Public Lecture "Solidarität im Widerspruch: Partikulare Erfahrung und Reparativer Humanismus" at Goethe-University Frankfurt
As part of the lecture series “Konflikte aushalten! – Check your privileges!” by the Hessian Theatre Academy (HTA), Leon Gabriel will hold a lecture on an ambigous and differential notion of solidarity, following Frantz Fanon and Viktor Klemperer.
Abstract in German:
„Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.“ – so das gerne zitierte Bonmot Che Guevaras. Solidarität wird gegenwärtig immer wieder eingefordert oder für das eigene Handeln reklamiert. Aber Solidarität ist kein abstraktes Konzept und daher immer auch in Widersprüche verstrickt: Wie ist Solidarität mit den einen möglich, wenn sie im Widerspruch mit einer ebenso gebotenen Solidarität mit anderen steht? Wie lassen sich Verbundenheit und Trennung zugleich denken, wenn wir doch auch jeweils den spezifischen Erfahrungen von Unterdrückung gerecht werden wollen?
Der Vortrag beleuchtet ‚Solidarität‘ angesichts gegenwärtiger Debatten und Verwerfungen in drei Schritten: Zunächst wird das Spannungsverhältnis von Antisemitismus und Rassismus als zweier Formen der Entmenschlichung und Unterdrückung untersucht, die verknüpft sind und doch nicht ineinander aufgehen. Unter Bezug auf Schwarze und jüdische Autor*innen wie James Baldwin, Delphine Horvilleur, Albert Memmi und Olúfẹ́mi O. Táíwò werden Schwierigkeiten dieses Verhältnisses erläutert. Daraufhin wird zweitens anhand des unscheinbar wirkenden Begriffs der „Teilungen“ untersucht, was problematische Formen des Geteilt-Seins ausmacht und was ein produktives, gar emanzipatorisches Verständnis von Teilung sein würde, das eben auch solidarische Räume eröffnen kann. Aufgezeigt werden Formen von Spaltung, Selbstentfremdung und Dissoziation, wie sie vor allem Frantz Fanon untersucht hat. Anhand der Analyse der Sprache des Nationalsozialismus durch Victor Klemperer wird ergänzend verdeutlicht, wie Emotionen uns teilen, was zwar in der Tat gefährliche Abspaltungen erzeugen, aber ebenso potenzielle Verbindungslinien schaffen kann. Im dritten Schritt wird sodann der auf Fanons Schriften beruhende Ansatz des „reparativen Humanismus“ kritisch diskutiert: Ein Humanismus, der nicht von vorgefertigten Begriffen ‚des‘ Menschen ausgeht, aber doch auch Gefahr läuft, partikulare Erfahrungen zu übersehen – wogegen Fanon wiederum Störmoment der Sprache setzt, die uns zwar aufwühlen und teilen, damit jedoch zur Solidarität appellieren sollen.
Damit plädiert der Vortrag im Sinne eines ‚privilegienbewussten‘ Arbeiten mit Ambivalenzen dafür, dass Solidarität nicht trotz Widersprüchen möglich ist, sondern gerade wegen ihnen. Mehr noch: Wenn wir solidarisch sein wollen, heißt das, entgegen Verallgemeinerungen die Widersprüche in und um uns anzuerkennen.